„Kontroversen um Konrad Adenauer“

17.09.2026

Diskussionsvortrag der Konrad-Adenauer-Stiftung im 150. Jubiläumsjahr von Adenauer:

Am 17. September 2026 fand im Fachbereich Geschichte für uns Schülerinnen und Schüler der Q2 diese besondere, knapp anderthalbstündige Veranstaltung statt, die der bekannte Historiker und Journalist Sven-Felix Kellerhoff leitete. Als Geschichtsautor und Redakteur leitet er den Geschichtskanal bei Welt/N24 in Berlin und war in Begleitung von Professor Martin Reuber aus dem Büro der Bundesstadt Bonn der Konrad-Adenauer Stiftung in Sankt Augustin der Redner.
Einleitend stellte uns Kellerhoff politische Leistungen und Erfolge Adenauers als dem ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik (1949 – 1963) vor, die unstrittig positiv bewertet werden; dazu zählen der Aufbau einer stabilen Demokratie (s. Grundgesetz), das Ende des Besatzungsstatuts 1955, der wirtschaftliche Aufschwung (Wirtschaftswunder), die soziale Absicherung. Auch seine Außenpolitik – bekannt unter dem Begriff der ‚Westintegration’ - mit Staaten vornehmlich des westlichen Auslands zählt dazu, vor allem seine Aussöhnung mit Frankreich (‚Deutsch-Französische Freundschaft’ und Israel) wie auch der Erfolg um die europäische Einigung. Die damals junge Bundesrepublik zählt seit 1957 zu den Gründungsmitgliedern der heutigen EU. Dass Adenauer bis heute eine große Bedeutung hat, zeigt seine Wahl zum wichtigsten Deutschen in einer ZDF-Umfrage im Jahr 2003 („Platz 1“) und die Zwei-Euro-Gedenkmünze zu seinem 150. Geburtstag.Den Hauptteil seiner von interessanten Bildfolien ergänzten Ausführungen widmete der Referent aber den Kontroversen über Adenauers Politik sowie über den Umgang mit der NS-Vergangenheit und die politische Ausrichtung Westdeutschlands.
Anschließend hatten wir die Möglichkeit, Fragen zu stellen und die Themen zu diskutieren.
Aufschlussreich waren z.B. historische Plakate: Während die CDU ihn positiv darstellte, äußerten der SPIEGEL und besonders die SED in der DDR deutliche Kritik.
Die erste von vier vorgestellten Kontroversen betraf die Westbindung der Bundesrepublik. Kritiker warfen ihm vor, die feste politische Bindung an westliche Staaten über eine schnelle Wiedervereinigung beider deutscher Staaten gestellt zu haben. Kellerhoff erwähnte auch die Stalin-Noten von 1952, mit dem Hinweis, dass in dem sowjetischen Vorschlag freie Wahlen nicht vorgesehen gewesen seien. Deshalb könne man nicht behaupten, Adenauer hätte eine sichere Chance auf die deutsche Einheit abgelehnt. An diesem Beispiel zeigte unser Gast auf, wie Historiker Aussagen und Behauptungen mithilfe von Akten und weiteren Quellen überprüfen.
Die zweite Kontroverse drehte sich um Adenauers Umgang mit der NS-Vergangenheit, speziell mit der Tatsache, dass Hans Globke, der in den 1930er Jahren einen Kommentar zu den Nürnberger Rassegesetzen mitverfasst hatte und angeblich auch Informationen an politisch Verfolgte weitergegeben haben soll, zehn Jahre lang Chef des Bundeskanzleramtes und damit einer von Adenauers engsten Mitarbeitern war. Margarete Sommer, die während der NS-Zeit viele Menschen gerettet hatte, warnte 1953 vor Globkes Berufung und bezeichnete sie als einen ernsten Fehler. Das Festhalten an ihm bleibt deshalb bis heute eine schwere Belastung für Adenauers politische Bilanz.
Die dritte Kontroverse thematisierte die Frage, ob die 1950er Jahre gesellschaftlich restaurativ, also rückwärts, auf frühere Verhältnisse ausgerichtet waren. Als Kritikpunkt wurde unter anderem das damalige Frauenbild genannt. Auch ein Zitat Adenauers in einem Wahlprogramm der Grünen führte wegen des Vorwurfs des Sexismus zu einer Diskussion. Dem standen Fakten gegenüber, dass die 1950er Jahre wirtschaftlich und technisch sehr modern gewesen seien. Es wurde erkennbar, dass der Begriff ‚restaurativ’ die damalige durchaus fortschrittliche Zeit nur teilweise beschreibt, und dass wir frühere Zeiten nicht mit heutigen Ansichten sehen und beurteilen sollten.
Zum Schluss des Vortrags wurde Adenauers Ostpolitik am Beispiel seiner Moskaureise 1955 als vierte Kontroverse präsentiert. In der sowjetischen Hauptstadt verhandelte der Bundeskanzler über die Rückkehr deutscher Kriegsgefangener (tatsächlich konnten bald die letzten knapp zehntausend Soldaten aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückkehren). Obwohl die Gespräche in Moskau zeitweise angespannt waren, nahm die Bundesrepublik 1955 diplomatische Beziehungen mit der Sowjetunion auf, ohne die DDR anzuerkennen (s. Hallstein-Doktrin). Auch Einzelheiten des mehrtägigen Kanzler-Besuchs, über ein Wochenende hinweg, erwähnte Herr Kellerhoff, z.B. dass Adenauer an jenem Sonntag vor den Verhandlungen erst eine katholische Messe besuchte, nämlich in der von den Franzosen geführten einzigen katholischen Kirche in ganz Moskau. Dieses Vorgehen zeige, so Kellerhoff, dass Adenauer sowohl selbstbewusst war als auch taktisch und ideologisch vorging.
Eine heutige Behauptung aus der AfD, Adenauer gehöre politisch zu ihr, wurde kritisch überprüft und vor allem wegen seiner klaren Westbindung in Frage gestellt.
Eine Karikatur mit dem Slogan „MAGA: Make Adenauer Great Again“ leitete schließlich zur Fragerunde über; wir diskutierten u.a., wie politische Mehrheiten Veränderungen durchsetzen könnten, ohne Minderheiten zu unterdrücken.
Insgesamt gab uns die Veranstaltung einen guten Einblick in verschiedene Seiten der Politik Konrad Adenauers. Besonders deutlich wurde, dass seine Kanzlerschaft nicht nur durch die Westbindung geprägt war, sondern dass auch der Umgang mit der NS-Vergangenheit, die gesellschaftliche Entwicklung der 1950er Jahre und die Ostpolitik wichtige und kontrovers diskutierte Themen sind.
Der Referent schloss damit, dass er meinte, „ein bisschen mehr ‚Adenauer’ heutzutage im Sinne von Authentizität, Gradlinigkeit und Autorität täte unserem Land manchmal ganz gut.“
Vitalij Baumstark, Lana Brickmann, Benjamin Fritz, Jona Kaster, Annalena Müller / Q2

© Sankt Josef
© Sankt Josef
© Sankt Josef